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05.04.2017 | 19:00 Uhr

„Sonnensucher“

Die DDR im Spiegel verbotener DEFA-Filme

 

Die DDR im Spiegel verbotener DEFA-Filme“  Eine neue Vortrags-Filmreihe im VERDO mit Hans-Wolfgang Lesch

 Informationen zum DEFA-Spielfilm
„Sonnensucher“ (1958)

Im Jahr 1957 wandte sich Konrad Wolf, der seit 1955 für die DEFA arbeitete, mit „Sonnensucher“ erstmals einem Gegenwartsthema zu. Der Film sollte 1959 zum zehnjährigen Bestehen der DDR uraufgeführt werden. Wolf wünschte sich eine Coproduktion mit der Sowjetunion, die von deren Seite verweigert wurde. Immerhin erhielt er die Erlaubnis, sowjetische Schauspieler unter Vertrag zu nehmen. Die Dreharbeiten dauerten vom 8.April bis zum 2. August 1958, und danach begannen die Auseinandersetzungen in der DEFA, im ZK der SED und im Politbüro. Wolf musste nachbessern, tat das auch teilweise und erhielt, oh Wunder, den Segen von Walter Ulbricht, dem der Film in einer Sondervorführung gezeigt werden musste.
Aber er hatte nicht mit der Sowjetunion gerechnet. Diese beharrte auf einem Verbot des Films und setzte sich – auch gegenüber Ulbricht – durch. Der Film verschwand in den Archiven der DEFA. Erst 1971, nach dem Wechsel von Ulbricht zu Honecker, durfte der Film mit dessen Zustimmung einmal gezeigt werden. Am 1. September 1972 wurde der Film schließlich für die Filmkunsttheater in der DDR freigegeben.
Da stellt sich die Frage nach der Brisanz dieses Films. Das macht sein Inhalt sehr schnell deutlich. Im Herbst 1950 ist der Uranbergbau im Erzgebirge um Aue vollständig in sowjetischer Hand. Für das Abbaugebiet gelten die Gesetze der Besatzungsmacht. Das Uran soll der UdSSR helfen, zur Atommacht aufzusteigen. So wird die „Wismut SDAG“ zum drittgrößten Uranproduzenten der Welt.
Über Tage haben die Russen das Sagen; unter Tage arbeiten Aufbauwillige, Gestrandete, Abenteurer, Zwangsverpflichtete und Fachleute nebeneinander. Auseinandersetzungen sind aufgrund sehr guter Bezahlung und fast unbegrenztem Alkoholkonsum an der Tagesordnung. Hinzu kommen Konflikte zwischen der sowjetischen Betriebsleitung und den deutschen Arbeitern und Kommunisten, die sich „von den Russen“ diskriminiert fühlen.
In dieses Gebiet werden Emmi Jahnke und die 18jährige Lotte Lutz zwangsweise gebracht, weil sie in Berlin von der Polizei aufgegriffen wurden und keine feste Arbeit nachweisen konnten. In der Wismut werden beide Frauen sehr rasch zu Wunschobjekten der Männer. Auch daraus ergeben sich zahlreiche Konflikte, die das Leben im „Klondike des Ostens“ belasten.
Die wirklichkeitsnahe, so gar nicht im Sinne des „sozialistischen Realismus“ daherkommende Gestaltung des Films konnte in den Jahren des atomaren Wettrüstens weder den Kulturfunktionären der SED, noch den Sowjets gefallen.
Erst die von Erich Honecker propagierte Liberalisierung des Kulturlebens öffnete dem Film den Weg in die DDR-Kinos. „Sonnensucher“ gilt heute als Klassiker des DDR-Films der 50er Jahre.

Hintergrund: Mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki durch die USA begann das Zeitalter des atomaren Wettrüstens, da die Sowjetunion nun im Eiltempo versuchte, den Vorsprung der Vereinigten Staaten aufzuholen. Abbaufähiges Uranerz gab es aber nur auf dem Gebiet der CSSR und der sowjetischen Besatzungszone. So begann die UdSSR, ab 1946 Uran im Erzgebirge abzubauen und gründete am 10. Mai 1947 die Sowjetisch Deutsche Aktiengesellschaft Wismut (SDAG), die entgegen dem Namen vollständig in sowjetischer Hand blieb.
Diese rechtlichen Voraussetzungen hatten unmittelbare Konsequenzen für die Arbeits- und Lebensbedingungen der dort zum Teil zwangsweise Beschäftigten, deren Leben, sofern es nicht die Arbeitsleistungen betraf, oft mit dem der Goldsucher vom Klondike verglichen wurde („Klondike des Ostens“ war eine stehende Redensart). Im Lauf der Jahre wurden immer mehr Freiwillige angeworben, was zu einer hohen Fluktuation und zu zahlreichen Problemen in den Arbeitsabläufen führte. So wurden allein 1949 mehr als 109000 Arbeitskräfte eingestellt, während 48000 die Wismut verließen. 1956 reduzierte die UdSSR den Abbau von Uran und unterbreitete den USA und Großbritannien das Angebot, alle Kernwaffenversuche einzustellen. Als die beiden Staaten 1958 ablehnten, wurde der Uranabbau wieder hochgefahren. Genau in dieser Periode entsteht Konrad Wolfs Film.


Literaturhinweis: 2007 erschien im Aufbau-Verlag posthum der Roman „Rummelplatz“ von Werner Bräunig. Er wurde als literarische Sensation eingestuft und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Im Mittelpunkt des Romans steht die Wismut AG, eingebettet in das Leben in Ost- und Westdeutschland ab 1949. Er endet mit dem 17. Juni 1953.
Werner Bräunig, geboren am 12. Mai 1934 in Chemnitz, kannte die Wismut AG aus eigener Anschauung. Er arbeitete dort 1953 als Fördermann und wurde wegen Schmuggels zu einer Haftstrafe verurteilt. 1960 begann er mit dem monumentalen Romanprojekt, nachdem er seit 1958 bereits Texte veröffentlicht hatte. Der Vorabdruck eines Kapitels in der „Neuen Deutschen Literatur“, Heft 10/1965, wurde ihm zum Verhängnis, denn er wurde dadurch, obwohl Anna Seghers und Christa Wolf ihn verteidigten, zum „Hauptangeklagten“ des berüchtigten 11. Plenums im Dezember 1965, dem ja auch die Hälfte der Spielfilmproduktion 1965 zum Opfer fiel (Vgl. „Das Kaninchen bin ich“, „Spur der Steine“ etc.). Sein Romanauszug wurde als „Beleidigung der Werktätigen und der Sowjetunion“ abgekanzelt. Von dieser massiven Attacke hat sich Bräunig nie mehr erholt. Er wurde zum Alkoholiker und starb am 14.08.1976 im Alter von 42 Jahren.


 

 


 

 

Eintritt: 6,00 €/ erm. 3,00 €

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